Berliner Kampagnenagentur beeinflusst die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
Die Landtagswahl ist immer mehr Thema auch in Gesprächen mit Freunden und Familie. Bei einem solchen Gespräch sagte mir ein Bekannter, die Themen und das Programm der FDP seien ihm eigentlich sympathisch und wenn es nicht darum ginge, eine absolute AfD-Mehrheit zu verhindern, würde er diese Partei wählen. Aber er müsse nun mal taktisch wählen und deshalb werde er die Grünen wählen, auch wenn er das sonst nicht machen würde. Auf meine Frage, warum er nicht taktisch die FDP wählt, zeigte er mir bei Instagram die Seite @taktischwaehlen.de. Dort gebe es ein Tool, durch das man eine Empfehlung erhalten würde, welche Partei man mit der Zweitstimme wählen müsse, um die AfD zu verhindern.
Und tatsächlich, über die Instagram-Seite, die sich als „überparteilich und demokratisch“ bezeichnet, werde ich auf die Internetseite https://www.taktisch-waehlen.de verlinkt. Die Seite ist in einem Farbdesign gehalten, das dem des „Wahl-O-Mat“ auffallend ähnelt. Dort nur die Postleitzahl eingeben, den Wahlkreis auswählen und ich erhalte meine Empfehlung: die besten Aussichten, einen AfD-Direktkandidaten zu verhindern hat Sven Schulze (CDU), der Hebel um eine AfD-Mehrheit zu verhindern, sei aber die Zweitstimme und die soll ich der SPD oder den Grünen geben. Warum nicht FDP oder BSW? Die Antwort: „Beide Parteien schließen eine Zusammenarbeit mit der AfD im Landtag nicht aus. Beide Parteien könnten im Landtag eine Regierung mit der AfD bilden, einen AfD-Ministerpräsidenten wählen und AfD-Gesetze unterstützen.“
Nanu, meine FDP könnte eine Regierung mit der AfD bilden? War mir neu, widerspricht mehreren Parteitagsbeschlüssen und wird auch klar anders kommuniziert.
Der Test mit mehreren anderen Wahlkreisen endet immer ähnlich. Natürlich stets ein anderer Direktkandidat, mal CDU, mal Linke, die Zweitstimme aber immer an SPD oder Grüne. Seltsamerweise aber auch nie die Zweitstimme an die Linke.
Also mache ich das, was wohl fast nur Jura-Nerds machen, ich scrolle die Seite ganz nach unten, wo in der Regel die Rechtsdokumente einer Website verlinkt sind. Dort findet sich tatsächlich ein TTPA-Transparenzhinweis. Siehe da, bei dem Webauftritt handelt es sich um politische Werbung, geschaltet vom Sponsor „The Goodforces GmbH“ mit Kosten für die Kampagne von 14.300 Euro für Website und Flyer. Flyer sind also auch noch zu erwarten.
The Good Forces, die Guten Mächte also. Ich bin gespannt, wer sich dahinter verbirgt und suche ich nach der GmbH im Handelsregister. Obwohl im Impressum der Website die Handelsregisternummer nicht angegeben ist, lässt sich die Gesellschaft zügig finden. Amtsgericht Charlottenburg, HRB 266233 B. Gegenstand des Unternehmens ist „die Beratung von Kunden und Organisationen aus allen Bereichen der Wirtschaft und politische Organisationen, Mandatsträger:innen und Parteien in allen Fragen der Öffentlichkeitsarbeit und der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kommunikation in strategischer Hinsicht über alle Kommunikationskanäle, insbesondere im Bereich der Online- und Social Media“. Eine PR-Kampagnenagentur, die u. a. politische Parteien berät.
Meine Neugier ist so richtig geweckt, also schaue ich mal, wer Geschäftsführer der „Guten Mächte“ ist. Es sind zwei, Patrick Haermeyer und Peter Jelinek. Die Suchmaschine wirft zu beiden als erstes einen Link zum ZEIT Wissen-Kongress 2026 „Mut zur Nachhaltigkeit“ (https://mut-zur-nachhaltigkeit.zeit.de/speaker/haermeyer-patrick/) aus und ich erfahre, dass Haermeyer und Jelinek gemeinsam die Kampagnenagentur The Goodforces GmbH gegründet haben.
Patrick Haermeyer, so heißt es, arbeite seit über 10 Jahren an politischen Kampagnen – von US-Präsidentschaftswahlkämpfen für Bernie Sanders und Kamala Harris bis hin zu großen Klima-, Demokratie- und Gerechtigkeitskampagnen in Deutschland. Peter Jelinek habe im EU-Parlament zum Green Deal und allen voran dem Europäischen Klimaschutzgesetz gearbeitet und neben dem Studium der Wald- und Ökosystemwissenschaften viele Jahre beim WWF Deutschland die Kommunikations- und Kampagnenarbeit begleitet. Patrick Haermeyer ist zudem laut Webauftritt der Fraktion „Die GRÜNEN / DIE PARTEI“ im Gemeinderat von Mannheim deren Sprecher für Klimapolitik, ÖPNV, Finanzen, ICE Neubaustrecke (https://www.gruene-fraktion-mannheim.de/patrick-haermeyer/ ).
Und Peter Jelinek taucht im Zusammenhang mit dem Aufreger im baden-württembergischen Landtagswahlkampf schlechthin auf: dem „Rehaugen-Video“, das wohl Cem Özdemir auf den letzten Metern des Wahlkampfes zum Ministerpräsidenten gemacht hat. Bei der re:publica, so heißt es in einem FAZ-Artikel dazu, habe Peter Jelinek geschildert, wie die Goodforces GmbH das „Rehaugen-Video“ aufgegriffen, genutzt und verstärkt habe. Näheres hier: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/baden-wuerttemberg-wie-eine-agentur-im-wahlkampf-mitmischte-accg-200996967.html .
Meinem Bekannten habe ich das alles erzählt, er war überrascht. Und ich denke, Wählerinnen und Wähler sollten zumindest auch wissen, dass eine hochprofessionelle Kampagnenagentur, deren Einmischung möglicherweise einen entscheidenden Einfluss auf die Landtagswahl in Baden-Württemberg hatte, nun auch in Sachsen-Anhalt mitmischt. Und dass politische Werbung bei Meta und Co. nicht mehr geht, stimmt offenbar auch nicht. Man muss wohl nur wissen, wie.