Wenn es kein Spiel gibt … - Ostern 2021


Für ihn war Fußball „alles, Weisheit und Spiel“ ↗https://www.tagesspiegel.de/sport/zum-tod-des-ungarischen-schriftstellers-peter-esterhazy-fussball-war-alles-fuer-mich-weisheit-und-spiel/13879678.html). Er verfasste anlässlich der Fußball-WM 2006 in Deutschland auch ein überragendes Gedicht mit dem unglaublich-passenden Titel „Ordnung der Welt“, ein interessantes Gedankenexperiment, das quasi literarisch-spekulative Geschichtsschreibung ist. (↗https://www.zeit.de/online/2005/45/dichter_am_ball5). Und Péter Esterházy (1950-2014) schrieb mit „Keine Kunst“ das Fußballbuch 2009. (↗https://www.deutschlandfunkkultur.de/eine-unglaubliche-leichtigkeit.954.de.html?dram:article_id=145539.

„Auf dem Weg zum Stadion ist man eine Masse, aber wenn wir im Stadion sind und unsere Mannschaft sehen, dann ist das ein Wir. Das ist etwas Schöneres, als in einer Masse zu sein. Beim Spiel wiederum ist das eine dialektische Beziehung zwischen dem Ich und dem Wir. Da sind große Stars in einer Mannschaft, aber niemand kann allein gut spielen, nur die Mannschaft kann es. Das ist ein schönes und merkwürdiges Verhältnis zwischen Ich und Wir. Das ist etwas anderes als bei der Arbeit in der Fabrik, dort muss man auch seine eigene Arbeit der Gemeinschaft geben. Aber beim Fußballspiel kann man das Ich bewahren, man soll es sogar, weil man dadurch etwas für die Gemeinschaft tun kann. Das kommt nicht sehr oft vor.“
Aus: Péter Esterházy im Interview mit der Rheinischen Post, 6.4.2006, Download: ↗https://rp-online.de/kultur/buch/peter-esterhazy-fussball-ist-die-weltsprache_aid-17480059

„Der Fußball (erscheint) in Esterházys Schriften als ein Sozialisationsfeld. Als solches ermöglicht er einerseits dem Individuum, seine im Alltag verborgenen Fähigkeiten, die sonst verdeckten Elemente seiner Persönlichkeit, zu zeigen. Andererseits kann das Spiel in den Teilnehmenden das Gefühl der Zusammengehörigkeit erwecken, indem es die Gültigkeit der außerhalb des Spielfelds bestehenden gesellschaftlichen Grenzlinien vorläufig aufhebt.“
Aus: Péter Fodor, Wort oder Ball? (Fußball, Metafiktion und Sprachspiel bei Péter Esterházy), Download: ↗https://www.hungarologie.hu-berlin.de/de/publ/BBH/bbh17a/bbh17_fodor

2005, im Vorfeld der WM in Deutschland, im Alter von 55, ‚komponierte‘ Esterházy seine „Deutschlandreise im Strafraum“, die nebenbei auch eine Reise zu den Höhen und Tiefen der Fußballbegeisterung seiner eigenen Familie ist. Sein sechs Jahre jüngerer Bruder Márton spielte bei der Fußball-WM 1986 in der ungarischen Nationalmannschaft. Mittendrin hatte er eher die eigene künstliche Hüfte im Sinn, als er eine „Sepp-Herberger-Weisheit“ weiterdichtete. Für mich der passende Text zum Thema „Sport in der Pandemie“:
Das nächste Spiel ist
immer das schwerste:
oh, nein,
das schwerste ist,
wenn es kein Spiel gibt. ...

Aus: Melancholische Zusammenfassung der Lebenserfahrung eines Altfußballers, 55, in: Péter Esterházy, Deutschlandreise im Strafraum, 2008, Taschenbuch 2006, 78.)

Wir haben heute nur eine erste Ahnung von dem, was die Corona-Pandemie für den organisierten Sport bedeutet.

Eines ist klar: Der soziale Kitt in der Gesellschaft leidet insgesamt. Die durch den Sport gestiftete Zusammengehörigkeit bricht, wenn Sportvereine ihr Angebot auf Null fahren müssen. „Wissenschaftler warnen: Folgen von Isolation und Bewegungsmangel können Kinder ihr Leben lang beeinflussen.“ (↗ https://www.deutschlandfunk.de/bewegungsmangel-im-lockdown-wie-sich-das-vereinssport.1346.de.html?dram:article_id=493662). Wenn Mitglieder austreten, das Gesparte für nicht erbrachte Leistung im Sinn, nicht das „große Ganze“, das, was wieder beginnen muss, wenn Corona überwunden ist. Da reichen als Ausgleich ein paar Almosen der Landesregierung nicht aus. (↗ https://www.cdufraktion.de/2021/sportvereine-im-land-erhalten-hilfszahlungen/).

In Sachsen-Anhalt ist der Mitgliederschwund (11.000 im Jahr 2020) zwar etwas geringer als in anderen Regionen – strukturbedingt wegen der vielen kleineren Vereine insbesondere in den ländlichen Regionen (↗ https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/tausende-kinder-jugendliche-so-viele-mitglieder-sachsen-anhalts-sportvereine-verloren-100.html). Aber besonders erschreckend sind die Mitgliederverluste in den großen Städten und dass 6.000 Kinder und Jugendliche die Sportvereine Sachsen-Anhalts verlassen haben.

Hier braucht es jetzt ein Konzept, dass der Bedeutung des Sports gerecht wird und dabei insbesondere Kitas und Schulen mit einbezieht. Denn nicht nur der Vereinssport, sondern auch der Sport in den Bildungseinrichtungen leidet bzw. liegt brach. Partnerschaften zwischen Kita, Schule und Verein müssen stabilisiert bzw. neu begründet werden. Für den Alltagssport in der Pandemiezeit brauchen wir standort- und gruppenbezogene Konzepte, die das Distanzlernen mit berücksichtigen. Und nach der Corona-Pandemie benötigen wir Programm, das über die Kommunen die Sportvereine nachhaltig stärkt. Sportgutscheine, mit denen Magdeburgs Partnerstadt Braunschweig seit neun Jahren gute Erfahrungen macht, können Teil eines solchen Konzepts sein.

Linktipps:
Heiko Klasen: 90.000 Vereine im Corona-Shutdown, Download: ↗https://www.zdf.de/verbraucher/volle-kanne/vereine-sport-corona-lockdown-zustand-status-quo-100.html
Tanja Linhard: Homeoffice + Homeschooling: Alternative Beschäftigungsmöglichkeiten für Kinder – DHfPG-Expertin gibt Impulse & Ideen, 18.01.2021, Download: ↗https://www.fitnessmanagement.de/corona/kinder-beschaeftigen-krisenmanagement-gesundheit-corona-pandemie-homeoffice
Lea Löffler: Bewegungsmangel im Lockdown - Wie sich das Vereinssport-Verbot auf Kinder auswirkt, 6.3.2021, Download: ↗https://www.deutschlandfunk.de/bewegungsmangel-im-lockdown-wie-sich-das-vereinssport.1346.de.html?dram:article_id=493662

PS: Ostern 2021 gab es natürlich ein Spiel. Aber nur im professionellen Sport. Dass der FCM mit einem 2:0 gegen den FC Ingolstadt die Abstiegsränge verlassen hat, gehört zu den schönen Seiten dieses Osterfestes. Aber: In einem Stadion (fast) ohne Zuschauer, die dieses Spiel sonst zu einem Fest gemacht hätten.

Wenn Kandidaten bereitstehen, nachhaltige Konzepte für den organisierten Freizeitsport voranzubringen, weil sie berufliche Kompetenz mitbringen, selbst sportbegeistert sind und sich für den Sport engagieren, dann ist klar: Jeder kann mit seiner Stimme am 6.6.2021 etwas für die Renaissance des Sports tun. In Magdeburg sind dies:

Dr. Lydia Hüskens, Geschäftsführerin des Studentenwerks, Fußballfan vom FCM und Borussia Mönchengladbach, langjährige Volleyballerin, schon mit 18 Vorstandmitglied, daneben Schiedsrichterin und Trainerin, sportpolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion 2006-2011 (FDP-Direktkandidatin in Magdeburg-Nord)

Thomas Gürke, Rechtsanwalt, Läufer, ehem. Basketballer, Fußballfan vom FCM und Anwalt der Fanhilfe (FDP-Direktkandidat in Magdeburg-West)

Alexander Meißner, Kriminalpolizist, Fußballfan vom FCM, Segler (FDP-Direktkandidat in Magdeburg-Mitte und Ostelbien)

Paul Hauschild, Ingenieur, Freizeitsportler, Läufer und ↗Schwertkämpfer (FDP-Direktkandidat in Magdeburg-Südost)

X